Ganz unten
Eine wahre Geschichte über Stephen King

Süddeutsche Zeitung
Wochenend- Ausgabe 24./25. August 2002

Nicht direkt ein Interview, sondern ein Monolog von King selbst.
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"Ganz unten
Eine wahre Geschichte über Stephen King

Im Frühjahr 1970 war ich 22 und wurde von der Polizei von Orono in Maine verhaftet. Bei einer Verkehrskontrolle wurden ungefähr drei Dutzend Leitkegel aus Plastik bei mir gefunden. Ich hatte im Motel an der Universität den ganzen Abend Long-Island-Eistee getrunken und dann auf dem Heimweg einen dieser Leitkegel touchiert. Er überschlug sich unter meinem Auto und sprengte den Schalldämmpfer meines uralten Ford-Bullys ab. Schon vorher war mir aufgefallen, dass an diesem Tag in ganz Orono die Zebrastreifen neu markiert worden waren; die verfluchten Kegel hatte man einfach alle stehen lassen. Mit der Logik eines Betrunkenen beschloss ich, die ganze Stadt abzufahren - ganz langsam und ganz vorsichtig - und sämtliche Kegel einzusammeln. Jeden einzelnen Kegel. Am nächsten Tag wollte ich sie zusammen mit meinem kaputten Schalldämpfer am Rathaus vorführen und mich ganz furchtbar aufregen.
Die Polizei von Orono, die ihre Gründe hatte, mich nicht zu mögen (ich war ein amtlich anerkannter "Hippie", ein Vietnamkriegsgegner), war hell begeistert über den Fisch, der ihr da ins Netz gegangen war. Hinten in meinem Bully fand der Beamte, der mich verhaftete, genügend Kegel, um die Festnahme mit dem Vorwurf es Diebstahls zu verbinden. Er wusste aber nicht, dass ich Wiederholungstäter war.
Hätte man mich mit den ungefähr hundert Kegeln erwischt, die in meiner Wohnung verstaut waren, dann hätte ich es womöglich bereits mit dem Straftatbestand des schweren Diebstahls zu tun bekommen.
Mehrere Monate vergingen. Ich beendete das Studium an der University of Maine. Während mir eine Verurteilung wegen Diebstahls drohte, suchte ich eine Stelle als Lehrer. Es gab keine Stellen als Lehrer, und schliesslich arbeitete ich in der Nähe von Brewer als Tankwart. Mein Chef war eine Frau. Ihren Namen weiss ich nicht mehr; wir wollen sie Ellen nennen. Ellen ahnte nicht, dass ein Prozess wegen Diebstahls auf mich wartete. Der gesetzliche Mindeslohn, den sie mir bezahlte (ich glaube, er betrug 1,60 Sollar die Stunde), berechtigte sie meiner Ansicht nach nicht, davon zu erfahren.

Damals herrschte ein Preiskrieg, und wir von Interstate 95 Gas verkauften die Gallone Normalbenzin für 29 Cent. Aber Moment, das war noch nicht alles. Bei einer ganzen Tankfüllung konnte man wählen zwischen einem Glas (ein hässlicher, aber unverwüstlicher Krug für den Esstisch) und einem Brot (ein besonders langer Leib weißweicher Konsistenz). Und sollten wir vergessen zu fragen, ob wir das Öl nachschauen könnten, dann war der Tank sogar gratis. Und nicht anders, falls wir vergessen sollten, uns zu bedanken. Und ratet mal , wer für die Tankfüllungen aufkommen musste? Genau, der vergessliche Tankwart, der, was mich betraf, schon mehr als Pleite war. Das Essen bestand damals häufig aus Cheerios, die ich in einem Aschenbecher mit Fett erhitzte.
Ich hatte damals bereits Tabitha Spruce aus Old Town kennengelernt und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie hatte ihn unter der Bedingung angenommen, dass ich einen etwas besseren Job finden müsste, als an einer freien Tankstelle Benzin zu zapfen. Nur zu verständlich: Wer wollte schon einen Mann heiraten, dessen Verantwortung darin bestand, die Kundschaft zu fragen, was sie lieber hätte: das Glas oder das Brot?
Inzwischen war es August und mein Prozess wegen Leitkegeldiebstahls fällig. Ellen erklärte ich, dass ich am Nachmittag nicht kommen könne, weil ein Verwandter meiner Verlobten gestorben sei ("Verlobte" klingt wesentlich verantwortungsvoller als "Freundin"), und ich sie zur Beerdigung begleiten müsse. Ellen kaufte mir die Ausrede offenbar ab. Tatsächlich fand eine Art Beeerdugung statt: meine.
Im Bezirksgericht von Bangor fungiere ich als mein eigener Anwalt, bin allerdings mit einem idiotischen Mandanten geschlagen. Ich werde für schuldig befunden und muss 100 Dollar Strafe zahlen. Es hätte schlimmer kommen können; sie hätten mich auch für sechs Monate ins Gefängnis stecken können. Ausserdem habe ich gerade eine Kurzgeschichte an ein Herrenmagazin namens Adam verkauft. Der Scheck trifft rechtzeitig ein, und ich kann die Strafe bezahlen. Als ich am nächsten Morgen in der Arbeit erscheine, lächelte Ellen ein Lächeln, das mir verrät, dass meine Unglückssträhne längst nicht zu Ende ist. Sie habe gar nicht gewusst, dass im Bezirksgericht von Bangor Beerdigungen stattfänden, sagte sie.
Wie sich herausstellte, hatte ein Verwandter von ihr - ein Cousin oder ein Neffe - den Termin nach mir und konnte verfolgen, wie mein Fall verhandelt wurde. In einem dieser völlig unwahrscheinlichen Streiche, wie sie einem das Pech ausgerechnet dann spielt, wenn sowieso schon alles schief läuft, hatte dieser Schuft, der mich flüchtig von der Tankstelle kannte, unbedingt erzählen müssen, dass er mich gesehen hatte.

Ich war noch keine 23, aber schon arbeitslos und vorbestraft. Ich machte mir ernsthaft Gedanken darüber, ob ich vielleicht ein ganz schlechter Mensch war. Ein ganz schlechter Mensch zu sein ist so ungefähr der beschissenste Job, aber einer, dachte ich mir, einer muss ihn machen. Der Weg nach unten, vielleicht beginnt er mit Diebstahl von Leitkegeln. Ich glaube, es war in jenem Sommer, dass langsam eine Erkenntnis in mir reifte: Wir sind nicht die Stars in unserer eigenen Show, und das Happy End oder wenigstens eine glückliche Mitte ist alles andere als sicher.

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Stephen King
hat sich aus bescheidenen Anfängen hochgearbeitet und ist heute einer der meistgelesenen Autoren der Welt. aus dem Amerikanischen übersetzt von Willi Winkler.
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